Wir sind dann mal weg (Die Zweite)

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Nach der ersten Etappe, von der ich in dem letzten Eintrag schrieb, lagen also noch über 200 Km Fußmarsch vor uns. Wir waren uns beide unsicher, ob diese Reise überhaupt das ursprünglich anvisierte Ziel erreichen würde.

Gott sei Dank (was in Anbetracht der Reiseroute wohl ein sehr treffender Ausspruch ist) stellte sich das als Fehlalarm heraus. Nachdem wir die Tagesetappen etwas kürzer gesetzt hatten und auch Pausentage einbauten, kam man relativ schnell an den Punkt, an dem die Wanderei wirklich Spaß machte. Natürlich waren wir abends immer noch erschöpft, aber halt nicht mehr „kaputt“.

Da es sehr müßig wäre, die Reise chronologisch wiederzugeben, werde ich mich auf die wichtigsten Aspekte beschränken: Der Weg, die Menschen und die Abendunterkünfte.

OK, also zunächst zur Wegstrecke…

Nachdem wir uns in den täglichen Rhythmus der Wanderei eingefunden hatten, hatten wir auch genug Muße, um mal nach links und rechts zu schauen und uns die Landschaft anzusehen. Und was wir sahen, war durchaus positiv. Nach wie vor hatten wir lange Straßenetappen dabei, aber die Industrie aus Aviles war verschwunden und wurde durch dichte Natur ersetzt. Ganze Tagesetappen führen mitten durch Eukaliptuswälder, die in der warmen Mittagssonne herrlich nach einem Saunaaufguss rochen. Nicht zu vergessen sind auch die Abschnitte, die uns genau auf der Steilklippe am Meer entlang geführt haben. Oder, um das Klischee perfekt zu machen, als wir auf den Bergen standen und einen wunderbaren Ausblick ins grüne Tal hatten. Mein in mir wohnendes Teenagerselbst höre ich da rufen „Du Spießer“ aber den möchte ich mal treffen, der sich nach einer langen Wanderstrecke mit Oliven, Speck und Abrissbrot ins Feld setzt und nicht für sich denkt „Einfach schön!“.

…und nun die Menschen…

Die Menschen, die wir auf der Reise trafen, ließen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Da

DSC01240waren zunächst einmal die Anwohner. Ich hatte ja befürchtet, dass diese von dem ganzen Camino-Hype schon etwas genervt auf uns reagieren würden. Bilder von knorrigen Bauern, die die Hände über das Gesicht schlagen und ein unverständliches „Touristas“ vor sich her brummeln standen mir vor Augen. Aber nein, wir wurden stets freundlich und neugierig begutachtet, wenn wir durch ein Dorf gingen. Von überall wurde einem ein „Buen Camino“ gewünscht und obwohl wir nur mit Händen und Füßen antworten konnten, wurden wir auch das ein oder andere Mal in ein Gespräch verwickelt. Die zweite Gruppe, die einem naturgemäß auf dem Weg begegnete, waren die anderen Wanderer. Bis zum Ende teilte man sich die Tagesetappen mit ca. 40 Mann (oder Frau), so dass man sich zwar in den Pausen überholte, aber sonst doch relativ wenig Tageskontakt hatte. Den weitaus größten Teil dieser Gruppen machten Spanier und Deutsche aus. Hier war der Unterschied sehr deutlich sichtbar. Wo viele Deutsche den Weg eher als Möglichkeit sahen, vom Alltag abzuschalten und ein wenig die Ruhe zu genießen, war die Reise für viele Spanier eher ein Abenteuer mit günstigen Unterkünften. Das klingt wertend, aber so meine ich das nicht. Es war aber doch lustig, hier die gängigen Länderklischees bestätigt zu wissen. In Summe waren doch alle Menschen, denen man begegnete nett und haben einem die Reise immer eher einfacher als schwieriger gemacht.

…und zu guter letzt die Unterkünfte.

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An treffenderweise letzter Stelle kommen die Herbergen, in denen wir übernachtet haben. Ich muss gestehen, dass wir nicht nur in den für Pilger extra bereitgestellten Pilgerherbergen geschlafen haben, sondern auch manchmal das Hotel nahmen. Bei den Hotels ist besonders das in Soto del Barco zu erwähnen. Wir sind mit dem Bus dorthin, ins Nirgendwo, gereist und hatten absolut keine Lust, mit dem schweren Rucksack auch nur einen Schritt zu machen. Die Stadt sah aber zu unserer Enttäuschung eher nach einer alten Wild West Geisterstadt aus, als nach dem Hotelort, als das es im Führer beschrieben war. Eine verrauchte Kneipe, aus der man uns mit knappen Spanisch raus schickte, ein zugemachtes Hotel, dessen Fenster mit Holzbalken zugehämmert waren, waren die ersten Eindrücke neben der Busstation. Doch auf einem Berg unweit vom „Zentrum“ war ein schönes und vor allem vollkommen im Reisebudget liegendes Hotel. Man kann sich nicht vorstellen, wie begeistert wir waren, als wir auch noch die Jakuzzi im Zimmer entdeckten. Bei den Pilgerherbergen wurde das komplette Spektrum abgedeckt. Die schlechteste Pilgerherberge, die wir bezogen, sah bei Sonnenschein mit ihrer Klippenlage noch nett aus. Als sich bei Nacht aber herausgestellt hat, dass sich die Tür nicht schließen ließ, sah die Sache allerdings gänzlich anders aus. Die spanischen Nächte sind kalt, kann ich euch sagen. Auch hatte diese Herberge ein sehr interessantes Arrangement, was die Toiletten anbelangte. So ließen sich die Toilettenkabinen weder abschließen, noch konnte die Tür nur zugezogen werden (was aber einige Mitpilger verblüffenderweise wenig störte). Hinzu kam noch, dass mitten über der Toilette der leck geschlagene Warmwasserboiler hing, der stetig ein braun gefärbtes Wasser abgegeben hat. Diese Herberge hatte eher das Prädikat „Man kam wenigstens am nächsten Morgen gut los“. Daneben standen aber zahlreiche gut (und von Freiwilligen) gepflegte Herbergen, die für mich ihren Höhepunkt in einem efeuüberwucherten Kloster fanden. Ein wunderschön erleuchteter Innenhof, relativ abgetrennte Schlafkammern und einfach eine wunderschöne Atmosphäre prägten hier den Aufenthalt.

Soweit also zur Wegesübersicht. Im nächsten Eintrag werde ich ein wenig über die letzten Meter vor dem Ziel erzählen, auf denen sich noch einmal sehr viel verändern sollte. Und natürlich auch von Santiago de Compostela selbst, dem Ziel unserer Reise.

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